Pizza fangen

Ich hasse manche Tage einfach. Den Samstag zum Beispiel. An diesem Tag, an dem die Normalbevölkerung auf der Couch das Mindesthaltbarkeitsdatum von Deo und Trockenshampoo ausreizt oder im Bett gegen den Tag demonstriert, gehe ich arbeiten. Für volle neun Stunden. Ja, ich hasse den Samstag.

Der Samstag war wahrscheinlich traurig und hat sich beim Dienstag ausgeweint, der wiederum hartnäckig beschlossen hat mich zu hassen.

Angefangen hat es mit Übelkeit und Hustenschübe an einem wunderschönen grauen Dienstagmorgen. Aber da ahnte ich noch nichts böses.

11.00 Uhr Ein Kontrolleur hat mir netterweise ein Strafzettel wegen Überziehung der Parkdauer verpasst. Ich konnte mir das Spektakel seelenruhig durch das Glasfenster im Service ansehen, da ich meinen Arbeitsplatz nicht verlassen darf. Mein Chef wird zeitgleich gewarnt und parkt rechtzeitig um. Oh die liebe Gleichberechtigung.

14.00 Uhr Zuhause. Die Tür fällt ins Schloss. Ich beeile mich mit dem Abschließen, da ich keinen zweiten Strafzettel für den selben Grund bekommen möchte. Die Nachbarin, eine alte Lady öffnet ihre Tür und bekommt brühwarm meine gute Erziehung mit. Ich fluche in allen Formen und Farben, und glaubt mir, ich bin kreativ. Ich habe ich beim Verlassen meiner Wohnung das wichtigste vergessen: den Schlüssel. Akkulaufzeit 16%. Wunderbar.

14:10 Uhr Panik. Arztermin in einer Stunde, auf den ich seit Ewigkeiten warte. Kein Schlüssel. Abgelaufenes Parkticket. Mein Ersatz-Schlüssel liegt bei meinen Eltern, 300km weit weg, die niemals weiter als 10km fahren. Fragt mich nicht nach dem Sinn, das fällt unter die unlösbaren mysterösen X-Akten. Ich musste dann die Mutter von meinem „Freund“ belästigen, die seinen Ersatzschlüssel hütet.

14.35 Uhr Mit Rock bei windigem Wetter das eigenen Auto zu hüten, in das man verdammt noch mal nicht rein kommt ohne Schlüssel, ist frustrierend. Und das, direkt vor einer Bushaltestelle, ist einfach herrlich. Natürlich standen da ausnahmslos nur die Gattung gaffende Männchen. Glück habe ich alle Male.

14:55 Uhr Die Mutter von meinem „Freund“ kam glücklicherweise rechtzeitig. Ich bin guter Dinge, der Dienstag nicht. Parken ist heute aus. Und wie es der Zufall so will, parkt das Auto vor mir in die letzte Parklück ein, die es weit und breit gibt. Dahinter der Blumenladen hat sehr viele freie Plätze. Aber an diesem Tag auf menschliche Menschen zu hoffen war einfach nur dumm. „Sie müssen was kaufen und dann sofort von dem Parkplatz verschwinden!“. Kundenfreundlich ist die Dame alle Male. Und beim raus gehen wird mir noch einen Vogel gestikuliert.

15:00 Uhr Kilometer weiter weg, geparkt hasse ich zurück. Ein Blick auf die Uhr die von 59 auf 00 springt. Erster Gedanke, verpasster und sehr wichtiger Arzt Termin. Zweiter Gedanke, du dummer Idiot. Es ist nicht kurz vor vier Uhr gewesen sondern kurz vor drei Uhr. Kochende hysterische Wut.

Danach der Arzttermin war wie zu erwarten die Krönung. Verflucht unfreudliche Artz-Assistentinnen an der der Rezeption und Patien-Tetris. Man wartet auf der ersten Bank 45 Minuten, wird dann aufgerufen um das selbe Spiel auf der zweiten Bank zu spielen. Und das mit voller Umweltbestrahlung, da mein Akku nur noch 9% besitzt und mein Handy weder für Musik noch für sonstige Zwecke der Beschäftigung genutzt werden kann.

Nach 1,5 Stunden ins Leere starren konnte man im Behandlungszimmer nochmal 30 Minuten warten. Der Orthopäde hat drei mal mein Bein angewinkelt und hat dann festgestellt, dass man das untersuchen müsste. Grandios! Ist ja nicht so als ob ich dafür hier, beim Facharzt bin. Die Frage, ob ich mein sportliches Berufsfeld weiter ausüben sollte ohne Folgeschäden, konnte ich gar nicht stellen. Mit der Klinke in der Hand erklärte er mir das es meinen Arbeitgeber einen, ich zitiere, „Scheißdreck angehen würde“, und ging dann.

Nach 10 Minuten „Behandlung/Diagnose“ bin ich mit einem gelben Zettel für ein MRT gegangen. Was für ein „Scheißdreck“.

Der Dienstag hasst mich. Und zum Abschluss fand der Pizzalieferant meine Adresse nicht. Ich habe ihn dann im Dunkeln an der Kirche gefunden. Die Pizza war natürlich falsch, und mit einem Durchmesser einer Untertasse. Mit der Miniatur-Pizza und einem „T’schuldigum“ des Lieferanten ging ich dann hoch und anschließend hungrig ins Bett.

Prävention: Absofort liebe ich jeden Tag. Und jede Woche und jeden Monat.

So ist das (L)eben.

Gleich drei Uhr nachts.

Seit 12 Stunden bin ich theoretisch arbeitslos und dementsprechend theoretisch bald keine Studentin mehr. Ohne duale Ausbildungstätte kein duales Studium. Die tollen Möglichkeiten zur Übernahme sind erst wieder nächstes Jahr zum nächsten Jahresstart zum 1. August da.

Seit 8 Stunden weiß ich von dem super Stellenmarkt, der praktisch nicht mehr existiert. Wie ich mich dabei fühle gleicht dem Chaos an Wohnung. Jedes Zimmer ist unterschiedlich mit Umzugskartons dekoriert. Halb ausgeräumt und halb vertreut an Orte, wo die Dinge überhaupt nicht hingehören.

Seit 3 Stunden habe ich mir eine leichte Besserung erhofft. Die Besserung habe ich von der Arbeit abgeholt und sie über die neue Situation aufgeklärt. Die Alternative wäre sonst nur eine nächstgelegene Bar oder eine 300km lange und überstürzte Tour Nachhause.

Seit 3 Stunden weiß ich, dass das ein dummer Fehler war. Die Besserung hat sich alles nüchtern angehört und liegt nun unbekümmert im Bett. Die weisere Entscheidung wäre die Bar um die Ecke gewesen.

Seit ein paar Minuten weiß ich, auf Menschen zu bauen bringt nur Probleme statt einer Besserung. Kein „wie gehts dir damit?“, keine das-wird-schon-Floskel oder ein halbherziges Getätschel auf der Schulter. Nur Stille und das Gefühl komplett alleine und einsam zu sein. So fährst du über die Autobahn hin zu deinem Zuhause, das dann plötzlich entfremdet wirkt. Du gehst ins gemeinsame Bett, was überhaupt keine Gemeinsamkeit mehr ausstrahlt. Und dann wartest du auf irgendetwas. Ein „wie gehts dir damit?“, eine das-wird-schon-Floskel oder ein halbherziges Getätschel auf der Schulter. Nichts. Du stehst auf und hoffst indirekt auf ein Missverständnis. Nach einer Weile kommt Besuch. Die Besserung steht an der Couch vor dir. Komm ins Bett, sagt die Besserung. Kein „wie gehts dir damit?“, keine das-wird-schon-Floskel oder ein halbherziges Getätschel auf der Schulter.

Er geht zurück ins Bett und du gehst deinen Weg. Raus aus der Wohnung, um die Ecke.

Die Sitzung wird vertagt!

Dieser Wortlaut steht dick umrandet auf meinem Notitzblock. Eigentlich der gelangweilte Versuch ein Gesprächsprotokoll zu führen, während man eigentlich nur von dem Blick des Chefs ausgehöhlt wird. Uninteressant.

Ich sitze also zum wiederholten mal auf den billigen Bistrostühlen im billigen Bistro meiner billigen Firma, in der ich angestellt bin. Oder an die ich vertraglich gefesselt bin, wie ich es gerne betone. Freiwillig arbeite ich hier schon lange nicht mehr. Das Bistro ist ein verglaster Raum mit zwei Türen, die immer offen stehen, und befindet sich mitten im Unternehmen. Wenn die Glas-Türen ins Schloss fallen beginnt die Vorführung. Mann ist gefangen im gläsernen Käfig und wird öffentlich zur Schau gestellt, vor Mitarbeiter und Mitglieder. Wie im Zoo wird man als gefärdete Art von den vorbeilaufenden Besucher begutachtet.

Das Ausweichmanöver, um den neugierigen Blicken der Außenstehenden und dem uneinsichtigen Blick meines Chefs auszuweichen, resultiert in wunderschönen kreisrunde Punkte, die nun die Spiegelstriche ersetzen. Wirklich viel notiere ich mir zu dem Gespräch nicht. Wie immer das Gleiche. Das unkündbare Mietverhältnis. Meine Tante redet für mich. Witzig dabei ist, das mein Chef bei jeder Antwort mich dabei anschaut. „Manieren – keine“ notiere ich mir.

Meine Tante versucht es im Guten und appeliert an den Rest Mitgefühl und Menschlichkeit meines Chefs, welches sie glaubt erkennen zu können. Ich kritzel währenddessen die gleichen Begriffe auf meinem Block notiere „Koppelvertrag“ und „illegale Vermietung Wohnfläche“. Dann haben die Kohlensäure-Bläschen in meinem Glas meine volle Aufmerksamkeit. Die hübschen Perlen sind genauso kreisrund wie meine Spiegelstriche.

Fazit des Gesprächs: es wurde keine Vereinbarung getroffen. Ich werde nicht aus meinem Mietvertrag entlassen, da damit die Firma finanziert wird (und die montlichen Urlaube auf Bali, Dubai, Marokko, Australien…). Eine entgültige Lösung wird nächste Woche gefunden. Eine gewisse Pro-Urlaub Entscheidung von meinem ach so gutherzigen Chef also.

Dann steht er auf, und stellt fest, dass das Gespräch doch gut war. Meine Tante antwortet, was meinem Chef missfällt. Er habe mich gemeint. Meine Antwort beinhaltete irgendwas hochprofessionelles wie „war scheiße“. Und ehrlich, darüber war er verblüfft. Lustig. Dabei stehe ich nur als Variable für meine ganzen Vorgänger die sich aus dem Betrieb geklagt haben und die ebenso aus dieser grotesken WG ziehen wollten.

Das Mietverhältnis sei mein Problem und ist nicht kündbar.

Heute, 24 Stunden später, kämpfe ich gegen mein Bedürfnis an mit Glitzstiften und Marienkäfersticker ein Plakat anzufertigen. So ein schönes in regenbogenfarben. Titel: Rechtsnorm in Deutschland. Koppelverträge sind unzulässig. Nötigung ist strafbar. Eine Wohnfläche auf nicht legalem Wege zu vermieten ist auch nicht so gerne gesehen.

Das Mietverhältnis wird nächste Woche aufgehoben. Diese ganze Lapalie habe ich jetzt drei Monate mitgemacht. Mir reicht der Kindergarten. Ich bin gerade mal einundzwanzig und sollte mich von einer Studentenfeier zur nächsten schleppen. Anstatt nach überteuerten Kosmetiker und Klamotten zu googlen sieht mein Suchverlauf aus als hätte sich Betty Anne Waters an meinem Computer verirrt.

Naja, ist ja für mich nichts Neues. Ruhig Wasser gibt es bei mir irgendwie selten.

Lang ist’s her

Ich bin launisch. Kontrolle habe ich gerne, bin aber selbst kaum kontrollierbar. Unberechenbar, sagen manche. Sprunghaft, die anderen. Ich lebe quasi alleine mein eigenes Programm vor mich her. Regelungen und Schemata verwende ich nicht.

Ich bin die Art von Mensch, die außer Puste sind und nicht wissen wieso und wie das alles Zustande kam. Mit absoluter Sicherheit stehe ich, wenn es sich nicht vermeiden lässt, in zehn Jahren im weißen Kleidchen vor einem Kerl mit Talar und einem grinsenden Wimmelbild im Hintergrund und frage mich: Wie ist das denn nun passiert?

Ich sitze auf der neuen Hochburg an Bett in der neuen Wohnung, und werde zum zehnten Mal gefragt was los sei. Mit „Nichts“ komme ich leider nicht aus der Sache raus. Keine Ahnung, dabei beschreibt das Wort relativ gut den Ist-Zustand. Ich merke nichts. Das passiert eben, wenn ich versuche zu helfen und zu unterstützen. Man gibt sich da leider etwas selbst auf und stellt sich an zweiter Stelle. Hat etwas von Vernachlässigung der eigenen Person. Man läuft auf Sparflamme was die eigene Persönlichkeit und Emotionalität betrifft. Das erzähle ich ihm dann auch nur, weil er mitlerweile Panik bekommt, das ich irgenwo heimlich Koffer packe. So bin ich eben. Fehler. Denn darauf folgte etwas später die Erklärung, die die Sorge rechtfertigen soll.

Die drei Worte.

Überraschung. Da standen sie dann im Raum. Und du weißt nicht was du tun sollst. Bedanken? Wahrscheinlich kommt das nicht so gut. Ich mag dich auch? Das wäre als würdest du Kieselsteine mit Gold gleichsetzen wollen. Auf Risiken und Nebenwirkungen hinweisen? Nein sagen ist auch keine Option, das ist immerhin kein Kaufangebot auf Verhandlungsbasis. Irgendwas musst du sagen..

Kurzschlussreaktion. Klamotten weg und versuchen, dass was ich nicht sagen kann, einfach ohne Worte ausdrücken. Denn das kann ich immerhin sehr überzeugend.

Unkonventionell kann ich. Wieder so ein „Wie ist das denn nur passiert?“-Moment.

Vielen Dank für die Blumen, … ♪

Vor mir stehen gelbe Rosen. Ich habe noch nie schöne Blumen bekommen. Nicht von meinen Beziehungsmenschen. Seit Tagen starre ich diese wirklich gelungene Überraschung an. Seit wann bekomme ich denn Blumen. Und seit wann habe ich eigentlich einen so merkwürdig liebenswerten Partner. Und vorallem, wie zur Hölle bin ich nur hier her gekommen. In eine neue, private, kleine Wohnung die ich nun mit meinem Partner beziehe und der mir „einfach so“ Rosen mitbringt.

Nun stehen sie in voller Pracht auf dem neuen Esstisch. (Seit wann habe ich denn einen Esstisch?) Naja, diese netten Blümchen representieren sehr unschuldig wie schnell sich Dinge ändern können, ohne das man es mitbekommt. Zum positiven, zum negativen – blitzschnell. Alleine die letzten Monate haben es verdammt in sich gehabt.

Trennung danach Terror, der sich sporadisch immer wieder ankündigt. Darauf der Welpe mit seiner anhänglichen Art, der bis heute immer noch nicht mit mir abschließen kann und möchte. Derweilen nette One-Two-Three-Night-Stand Nümmerchen mit einem Kollegen. Im Anschluss Wohnungssuche mit dem Nümmerchen, welches sich mittlerweile als richtige Beziehung entpuppt hat. Währenddessen die geiernden Informationshascher an Kollegen und Verräter der eigenen Privatsphäre und Prinzipien. Der anschließende daraus resultierende Kampf mit meiner Chefin, und die Null-Tolleranz von Menschlichkeit am Arbeitsplatz. Die zweite Krankmeldung die ich heute eingereicht habe nach einer lustigen Nacht mit Fieber, Schwindel, Kopfschmerzen, Schüttelfrost und Magenkrämpfe. Immer noch Gastritis und immer noch der selbe Grund. Die WG, die ich immer noch bezahlen muss, obwohl ich da nicht mehr wohne dank dem Hauptgrund: meiner geldgierigen Chefin.

Nach dem aktuellen Stand heute habe ich mich damit abgefunden, das mir vermutlich eine Kündigung angeboten wird. Meine Chefin brilliert nicht wirklich damit, ihre Verachtung mir gegenüber zu verheimlichen.

„Bist du schön im Urlaub krank geworden oder liegt es an dem Untermieter der nicht mit uns abgesprochen war.“

Meine Chefin. Die Antwort auf meine erste Krankmeldung Wochen zuvor.

Das ich bis zu vier Wochen einen Besucher da behalten darf, und das ich überhaupt nie Urlaub hatte, lassen wir mal außen vor. Genauso wie der echt unprofessionelle Kommentar.

Nun die Reaktion auf meine zweite Krankmeldung hat mich relativ ruckartig aus meinem Dornrösschenschlaf, dass alles wieder gut wird, gerissen: ein verpasster Anruf und eine unverschämte WhatsApp Nachricht, ich hätte mich unerlaubt von meinem Arbeitsplatz entfernt und wäre ohne Rücksprache nicht wieder erschienen.

Absoluter Schwachsinn. Ich habe mich zur Arbeit geschleppt, mich um Vertretung gekümmert, obwohl das nicht im geringsten mein Problem ist sondern ein Problem das von der Geschäftleitung gelöst werden sollte, und habe mich dann sauber beim Diensthöchsten abgemeldet.

Darauf kam die Anweisung, nach dem Arztbesuch ins Büro für „ein Gespräch“ zu kommen. Ich tippe stark auf ein Kündigungsangebot, da man mir aufgrund meines Ausbildungsvertrags und meiner sauberen Weste nicht kündigen kann, und ich ebenfalls nicht, ohne horrende Studiengebühren an den Betrieb zahlen zu müssen. Bestätigen wollte sie mir das nicht.

Dem irren Gedanken meiner wöchentlich durch die Welt urlaubenden Chefin, dass ich mir ihre Monologe über Arbeitsmoral und Drohungen anhöre, während es mir genauso schlecht geht wie einem seekranken Kreuzfahrschiff-Urlauber, habe ich dann leider nicht mehr Folge leisten können. Darauf bekam ich ein Gesprächstermin zugewiesen. Im Nachhinein wäre es wahrscheinlich viel witziger gewesen, wenn ich das Chaos an Büro, dass die beiden ihr Eigen nennen, kontaminiert hätte, anstatt dem Toilettensitz Gesellschaft zu leisten. Leider fehlt mir da der Gewisse Flair an Obszönität.

Nun denn, mit dem Anwalt im Hinterkopf und Lesezeichen in der Rubrik „Ausbildungsplatz duales Studium Gesundheitsmanagement“ in der Hinterhand, atme ich hin und wieder mal durch. Vor allem wenn die gelben Rosen wieder in meinem Sichtfeld auftauchen, die frech dem Verwelken trotzen. Dann muss ich lächeln, auch wenn mein Gesundheitsstand eher den umgedrehten Smiley von mir verlangt.

Trotzige kleine Blümchen.

Piranhas

Es ist amtlich.

Egal wie sehr ich mich bemühe in Schadensbegrenzung, Lifebalance und Eigenmanagement in der Lebenskurve – meine Stolpersteine fressen mich innerlich buchstäblich auf. Ich haushalte Piranhas mit messerscharfen Zähne.

Piranha 1: Meine Chefin, die mich immer noch nicht aus dem Mietvertrag lässt und mir damit in ein finanzielles Grab schaufelt.

Piranha 2: Meine Mitbewohnerin, die mir scheinbar hauptberuflich das Leben vermiesen will und mich bei meiner Chefin anschwärzt.

Piranha 3: Die Arbeit, da mir über Nacht mit null Kompetenz die ganze Finanz-Welt eines Unternehmens aufgehalst wurde, was auch viel zu viel für eine Person alleine ist. Ganz davon abgesehen das feindlichen Klima, Marke Jeder-Ist-Sich-Selbst-Der-Nächste.

Piranha 4: Die Tatsache, dass mir die Hände gebunden sind im Bezug zu meiner besten Freundin, die dreihundert Kilometer entfernt in meiner Heimat eine mäßige Depression entwickelt.

Piranha 5: Meine gut situierten Eltern, denen das alles so unfassbar egal ist und denen ich meine Seele und sieben Jahre Knechtschaft verkaufen musste, für nur etwas Münzgeld als Unterstützung.

Und diese Fischlein paaren sich außerdem auch gerne und verursachen Baby-Probleme. Beispiel? Beispiel!

Baby-Piranha: Die Reaktion auf meine Krankmeldung von Seiten meiner Chefin, ob ich schon im Urlaub krank gewesen wäre, oder ob das an dem nicht abgesprochenen Untermieter läge. Die Frau sammelt auch keine Sympathie-Punkte. Fakt ist ich hatte keinen Urlaub, nur über Ostern die Tage frei und bin nach Hause gefahren. Und mit Untermieter meint sie meinen B-Wort-Menschen. Außer atmen tut der nichts. Er ist ein Besucher, und Besuch darf ich auch bis zur Dauer von sechs Wochen empfangen. Aber vor allem hatte meine Mitbewohnerin natürlich wieder die Finger im Spiel gehabt. Zum Haare raufen.

Zum Thema Krankmeldung und buchstäblichem inneren Massaker: akute Gastritis. Die übliche unzufriedene Hass-Tirade meiner Eltern an Ostern, über meinen Werdegang, hat wahrscheinlich das Fass zu überlaufen gebracht.

So viel zum Thema ich bin ausgeglichen. Belügen kann man am besten sich selbst, aber auch nur so lange bis jemand Magen-Darm-Spiegelung ruft.


Sperrungen

Ich halte die linke und die rechte Wange hin und bin irgendwie im Flow. Irgendwie witzig und irgendwie kindisch.

Wo man nur hin sieht Sperr-Regelungen. Die Tür-Sperre, die besagt, ich darf die Tür nur sachte zu ziehen ab 20:00 Uhr. Ebenso wie die Musik-Sperre die zu einer Geräusch-Sperre ausgeartet ist. Genrell darf ich, andere sind von der Regelung scheinbar ausgenommen, ab 20:00 Uhr überhaupt nichts mehr tun. Außer atmen. Atmen darf ich. Was ich auch nicht darf ist, länger als exakt 20 Minuten das Miniatur-Badezimmer zu benutzen. Ich vermute das meine Mitbewohnerin, die mit dieser Badezimmer-Sperre auch alle anderen ins Leben gerufen hat, dann immer vor der Tür sitzt mit einer Stoppuhr in der Hand. Ich denke nicht, dass sie eine App benutzt. Sie ist 36 Jahre alt. Das erklärt eventuell die Sex-Sperre. Sie hat es mir verboten. Es sei denn, ich beachte eine Sammelsurium von Vorschriften. Nicht morgens, nicht mittags, nicht abends, nicht nachts. Nicht wenn sie da ist und morgens, mittags oder abends schlafen und entspannen will. Auch das Bett darf nicht mehr genutzt werden. Macht Geräusche. Ebenso, wie mein Kerl nicht mehr benutzt werden darf, der macht auch Geräusche.

Seltsamerweise gibt es aber keine Sperre zwischen privat und beruflich. Vor allem nicht, wenn sie mit den Armen über dem Kopf in den Service wütet und vor versammelter Mannschaft, Mitarbeiter und auch fremde Klienten, verkündet „Die sind dauernd nur am vögeln. Dauernd. Man kann nicht schlafen, essen oder sonst was. Dauernd!“.

So viel zum Thema, ihr sei das egal, wenn nachmittags eine Runde eingelegt wird. Das geht sogar soweit, das sie meine bzw. unsere Chefs eingeweiht hat. Werde ich alles abstreiten, weil ich diese Sperre zwischen privaten und beruflichen Dingen, im Gegensatz zu den anderen, für sehr sinnvoll halte.

Auch Whats-App Benachrichtigungen erinnern ständig, Mitbewohnerin is watchin you. Stiummungsbreaker schlecht hin, wenn du gerade noch mit deinem Kerl Billard gespielt hast, und er sich entschlossen hat mit der schwarzen Acht einzulochen. Natürlich ausversehen und nicht weil er dasselbe mit dir machen will. Ich muss schon wieder grinsen. Dann mussten eben die Yoga-Matten wieder ausgerollt werden. Er war angenervt, weil er „nicht jedesmal einen verdammten beschissenen Parcour aufbauen will, damit der Hausdrachen nicht Feuer speit“.

Neben diesen Irrungen und Wirrungen hisst mein Genosse Mirko (20) ebenfalls die Fahne im Arschgeigen-Krieg. Er hat keine Lebensmittel mehr da. Ich schenke ihm meine Spaghetti. Er ist weder dankbar noch entgegenkommend. Stattdessen befiehlt er mich, die Nudeln in die Küche zu bringen, die nicht mal ansatzweise auf meinem Weg liegt. Gut, von mir aus. Aber dann um halb zwölf nachts mit Musik und Töpfe zu poltern ist schon relativ grenzwertig. Die Geräusche-Sperre hat stark in meinen Fingern gekribbelt.