Der Welpe

Es gibt so ein paar Aspekte in meinem Leben, die blende ich radiakal aus. Ich packe solche Dinge sehr sorgfältig in Kisten und sperre sie auf nimmer Wiedersehen weg. Ich rede hier von den ekligen Gefühlen, Empfindungen und Emotionen. Mir, die Verdrängungskünstlerin in Person, ist sehr bewusst das ich dank meines voll gestopften Tagesablauf immer brav alles in der Hinsicht aufschiebe. Dumm nur, dass ich krank bin und sich mein Unterbewusstsein eines dieser Kisten stibitzt hat.

Da purzeln Dinge heraus wie die ganzen Marotten von meinem Welpen. Ja, er ist super lieb, lustig, hilfsbereit und verlässlich und ein selbstloser Gentleman dazu. Aber genau da liegt schon der Schwachpunkt. Versteht mich nicht falsch, die Eigenschaften sind echt unbezahlbar, aber da draußen gibt es doch noch so viel mehr. Liebe, Leidenschaft, Hingabe und Selbstverwirklichung. All das fehlt mir schon fast schmerzhaft. Ich denke nicht das ich ihn mit der gleichen Intensität Liebe wie er mich. Dafür muss ich mich zu sehr zusammen nehmen. Er kann ja nichts dafür das er erst eine Beziehung hatte die echt lange gehalten hat. Aber ich kann wirklich nicht 24/7 das brave Heimchen spielen, das ich nicht bin, weil er nur so nicht komplett überfordert ist.

Abends auf der Couch tausche ich sehr gerne ein Paar Streicheleinheiten aus. Ich denke das hat ganz simpel mit unserem menschlichen Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit zu tun. Das ist ja nicht das Problem. Nein. Alles was über das süße klebrige rosafarbige Gekuschele und Geknutsche hinaus geht ist exakt in dem gleichen Farbschema. Das ist das Problem. Die ganze Bettgeschichte ist ein einziges quitsch-pinkes 70er-Jahre Missgeschick. Vorsichtiges und scheues Ausziehen meiner Klamotten. Scheitern an meinem BH-Verschluss. Langsamer unbeständiger Rhythmus in immer der gleichen Lage. Gegenspielen ist schwer für mich weil ich in meiner Position fast immer erdrückt werde und Stellungswechsel geht schon mal gar nicht, damit ist er komplett überfordert. Am Besten ist es für ihn, wenn ich den verhassten Seestern gebe. Danach ist er fertig, mir ist das Vergnügen schon lange Vergangen, und dann sackt er zur Krönung auf mir zusammen. Da verharrt er dann verdammt lange und hat diesen „das war so romantisch“-Blick drauf und küsst mich verliebt. Und blendet komplett aus das ich definitiv keine Berge erklommen habe oder die Tatsache das ich als Kleinkreatur unter einem fast zwei Meter Kerl ersticke. Blümchensex ohne Höhepunkt. Mein absoluter Alptraum.

Ich habe schon dutzend mal erwähnt und gezeigt, dass ich nicht zerbreche. Aber er ist kein solcher Mensch. Er hat auch diesen Welpenblick währenddessen. Da ist keine Leidenschaft, kein Verlangen oder Feuer in den Augen. Der Urtrieb wurde völlig von dem Wolke-7 Glibber ersetzt. Und danach wird gekuschelt, immer. Es wird auch ewig rum gestanden und er hält mich wirklich ultra romantisch im Arm, und zerfurcht mir ständig mit seinem Drei-Tage-Bart die Kopfhaut und damit auch die Haare. Irgendwann nervt das nur noch. Wenn du einfach mal kurz deinen Studienbrief wegräumen willst oder das Bett machen willst und schwupps, er hat dich wieder im Arm. Und ja, ich bin recht biegsam. Aber meine Wirbelsäule kann man auch nur zu einem gewissen Grad beim Küssen strapazieren, dann ist Ende im Gelände. Und er reizt das immer bis zum Schmerzpunkt beim Küssen aus. Alles in allem ist er da sehr Beratungsresistent.

Das mit ihm geht mittlerweile soweit, dass mir der berüchtigte Seufzer entflieht, wenn ich seine Nachricht auf meinem Handy aufleuchten sehe und irgendwas niedliches entschlüsseln kann. Kosenamen wie „Schatz“ oder das von mir persönlich sehr gehasste Wort „Kleine“ benutzt er in jeder Nachricht. Noch schlimmer ist es im verbalen Sprachgebrauch. Er betont solche Sätze nicht neutral sondern in dem gleichen Singsang wie man mit einem richtigen Kleinkind redet, beispielsweise der Satz „Hat die Kleine den gut geschlafen?“. Die ehrliche Antwort dazu konnte ich mir bisher immer verkneifen. Ich bin 21 Jahre alt, rede mit mir ordentlich. Und ich weiß, dass du das liebevoll oder was auch immer meinst, aber so klein bin ich mit 164cm auch nicht. Es gibt kleinere Menschen. Habe ich auch schon dutzend mal angesprochen. Aber durch seine rosa-rote Panzer-Brille durch zu dringen ist unmöglich.

Mir tut das alles in einem großen Teil wirklich Leid. Er ist ein super anständiger Mensch. Nur mir fehlt das Verruchte und das Leidenschaftliche was über eine Teenie-Beziehung hinaus geht. Ich bin vielleicht erst 21 Jahre alt, aber er ist 26. Ich möchte jemand der mich fordert und der mit mir auf einer Höhe steht. Der sowohl mit mir auf der Couch kuschelt und mich im Bett wärmt, wie auch eben erwähntes Möbelstück auf seine Strapazierfähigkeit testet. Ein Mensch neben dem ich mich traue aus mir heraus zu kommen und der auch mal den Ton angeben kann. Ein liebevoller Kerl, kein verknallter Welpe. Jemand der einfach komplexer und mehr ist.

Wenn sich das nicht ändert und ich immer noch die „Welpenbetreuung“ spielen muss, wie mein Kollege es gerne bezeichnet, wird das schneller zu Ende gehen als es mir lieb wäre.

2 Kommentare zu „Der Welpe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s