Lebendig

Ich fühle mich. Nein, das ist kein Fehler im Satzbau. Ich fühle mich tatsächlich. Jeden Muskel und jede Nervenzelle.

Woran es liegt weiß ich auch nicht so genau. An der EMS-Lehrgang-Geschichte von gestern? Elektronische Muskel Stimulation. Dir wird, wie bei einem Todestrakthäftling, Strom durch den Körper gejagt. Der absolute Hype zur Zeit in der Fitness- und Gesundheitsbranche. Und meine Firma muss natürlich mit dem Fluss mitschwimmen. Mich hat man natürlich gezwungen bei dem „Spaß“ mit zu machen. Probieren geht über studieren, Christina! Jeder muss das ausprobieren! So wenig wie Hannibal Lecter sich mit einer fleischlosen Diät anfreuden kann, konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden 150 Impulse mit 100 milli Ampere durch meinen Körper zu jagen. Knie schlottern, Hände zittern, Puls raste. War fast so wie ein Besuch von der Stiefschwester vom Tod, Frau Panikattacke. Es war grauenvoll schockierend, im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Muskeln vibrieren immer noch.

Oder liegt es an dem Menschen mit dem ich zusammen ziehe? Der Kerl der sich jetzt in meiner Noch-Wohnung in meiner Noch-WG abendlich einquartiert. Der, der die seltsamen Dinge tut mit denen ich nicht so recht klar komme. Die ich aber ganz nett finde. Er hat echt wahnsinns Tattoos. Und wie sich seine Muskeln darunter bewegen wenn er sich nimmt was er will. Und was er damit anstellen kann. Und hepp. Schon war ich gestern an der Wand, ohne Boden unter den Füßen. Und hepp. Ich wurde auf meinem Schreibtisch drappiert, wo es weiter ging. Und hepp. Mein Bett wurde zweckentfemdet. Im trüben Licht der Neon-Werbetafel kam ich mir so unfassbar lebendig vor. Insgesammt zwei Mal. Er drei. Jede Nervenzelle lief bei mir mit äußerster Empfindlichkeit auf Hochbetieb. Und währenddessen hauchte er meinen Namen. Ein pikantes Detail was mir seit heute den Kopf vernebelt. Eines von diesem Dingen mit denen ich überfordert bin. So wie das Streicheln und Küssen danach und die Löffelchen-Schlafposition. So als wäre ich nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eine Person mit Namen, die Mann mag und mit der Mann kleine Zärtlichkeiten austauschen möchte. Meine Lippen wären so schön und so weich, meinte er. Auf der Arbeit hat er manchmal einfach Lust sich über die Theke zu lehnen, um nochmal zu probieren, meinte er. Wir haben keine Beziehung zueinander, diese Emotionen teilen wir nicht miteinander.

Wir beide tanzen auf einem hauchdünnen Trapezseil aus Seide zwischen Arbeitskollegen, Freunde und Beziehung. Darauf bedacht nicht eine Richtung zu wählen. Wir wollen vermutlich alles und gleichzeitig davon auch gar nichts. Es ist gefährlich und riskant zugleich, und man fühlt sich so verdammt lebendig. Irgendwann reißt dieses Konstrukt ein und wir beide fallen. Ein Spiel mit dem Feuer.

Mitlerweile müsste er wieder weg sein. Er schläft aus und ich schleiche mich aus dem ruinierten Bett. Ich gehe arbeiten, wie immer Frühschicht. Ohne ein Wort und ohne Abschied. Im Betrieb warten schon die peinlich berührten wissenden Blicke. Mein Umfeld ist eben spektakulär prüde. Die Schwarz-Weiß-Einstellung darf man da bloß nicht vergessen. Entweder Flittchen oder Beziehung. Tendiert eher zum Ersteren. Ich habe das Bedürfniss mir einen roten Anstecker mit einem A zu basteln, Hester Prynne lässt Grüßen. Fände ich witzig.

Heute Abend kommt er wieder „kurz“ für drei Tage vorbei. Er kocht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s